Carbon Farming: Jetzt die Weichen stellen
Die Diskussion um CO₂-Speicherung in landwirtschaftlichen Böden ist nicht neu. Neu ist jedoch die Dynamik: Mit dem europäischen Zertifizierungsrahmen für CO₂-Entnahme (CRCF) entstehen neue Märkte und Perspektiven. Genau hier setzt mein Vorstoss im Nationalrat an – mit Erfolg: Das Postulat wurde mit 104 zu 88 Stimmen angenommen.
EU setzt den Rahmen – die Regeln entstehen jetzt
Mit dem CRCF hat die EU erstmals einen gemeinsamen Rahmen geschaffen, um CO₂-Entnahme zu zertifizieren – darunter auch das sogenannte Carbon Farming. Ziel ist es, Leistungen wie Humusaufbau messbar, vergleichbar und glaubwürdig abrechenbar zu machen.
Der Rahmen ist beschlossen, aber die konkreten Methoden werden derzeit erarbeitet. Genau in diesem Moment entscheidet sich, welche Leistungen künftig anerkannt und vergütet werden. Für die Landwirtschaft ist das zentral: Wer heute die richtigen Voraussetzungen schafft, kann morgen von neuen Einkommensmöglichkeiten profitieren.
Böden stärken Klima und Betrieb
Unsere Böden sind die Grundlage jeder landwirtschaftlichen Produktion. Ein höherer Humusgehalt bringt ganz konkrete Vorteile im Betriebsalltag: bessere Wasseraufnahme, höhere Ertragssicherheit in Trockenperioden, weniger Erosion und eine aktivere Bodenbiologie. Das heisst: Carbon Farming ist nicht nur Klimaschutz, sondern auch Risikomanagement und Produktivitätssicherung. Viele Betriebe arbeiten bereits heute in diese Richtung – oft ohne zusätzliche Entschädigung. Genau hier liegt ein grosses Potenzial.
Zusätzliche Einkommen – aber nur mit klaren Regeln
Mit Carbon Farming eröffnet sich die Chance auf zusätzliche Einnahmequellen – sei es über Zertifikate oder andere Vergütungsmodelle. Gerade in einem wirtschaftlich angespannten Umfeld ist das für viele Betriebe relevant. Doch die Herausforderungen bleiben: Die Messbarkeit, die Dauerhaftigkeit der Speicherung und die Kosten sind anspruchsvoll. Deshalb braucht es klare und verlässliche Rahmenbedingungen. Nur so entsteht Vertrauen – und nur so werden Leistungen auch tatsächlich bezahlt.
Risiken ernst nehmen: Greenwashing vermeiden
Der Markt für CO₂-Zertifikate wächst rasch. Ohne klare Regeln drohen jedoch intransparente Modelle und Greenwashing. Für die Landwirtschaft wäre das problematisch: Betriebe erbringen Leistungen, tragen Risiken – und erhalten am Ende keine faire Abgeltung. Deshalb müssen neben Zertifikaten auch alternative Modelle geprüft werden, etwa direkte Abgeltungen für ökologische Leistungen.
Anschluss statt Sonderweg
Die Schweiz muss nicht alles kopieren, was die EU macht. Aber sie darf auch nicht abseitsstehen. Entscheidend ist die Anschlussfähigkeit: Schweizer Betriebe sollen Zugang zu künftigen Märkten haben und nicht benachteiligt werden. Programme wie ÖLN, IP-SUISSE oder Bio Suisse bieten bereits heute wichtige Grundlagen und Synergien. Darauf kann aufgebaut werden. Ein zentraler Punkt ist die Fairness: Betriebe, die früh in nachhaltige Bewirtschaftung investiert haben, dürfen nicht leer ausgehen. Ein künftiges System muss sowohl bestehende als auch neue Leistungen anerkennen.
Bundesrat zögert – Parlament setzt Zeichen
Der Bundesrat anerkennt die Bedeutung gesunder Böden für Klimaschutz und Ernährungssicherheit. Er verweist jedoch auf bestehende Berichte und laufende Projekte und wollte vorerst keinen zusätzlichen Bericht erarbeiten.
Das Parlament hat dies anders beurteilt. Mit der Annahme des Postulats hat es ein klares Signal gesetzt: Die Schweiz soll sich frühzeitig positionieren und die Entwicklungen aktiv begleiten.
Fazit: Jetzt die Weichen stellen
Carbon Farming bietet der Schweizer Landwirtschaft konkrete betriebliche Vorteile und neue wirtschaftliche Perspektiven. Damit diese genutzt werden können, braucht es einen verlässlichen, transparenten und international abgestimmten Rahmen. Das CRCF zeigt, wohin die Reise geht – auch wenn viele Details noch offen sind. Genau deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt zu handeln: nicht um voranzupreschen, aber auch nicht, um später hinterherzulaufen. Das angenommene Postulat ist ein erster Schritt.
Andreas Meier
Nationalrat Die Mitte